Karmel-Blatt – Die Kirche der Armen

Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten,

am 11. Oktober 1962 wurde das zweite Vatikanische Konzil feierlich eröffnet.

Ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der Kirche, das heute, 50 Jahre danach, in Erinnerung gerufen werden soll.

Genau einen Monat vor der feierlichen Eröffnung formulierte Papst Johannes XXIII in einer Radioansprache seine Erwartungen an dieses Konzil. Er prägte dabei den Begriff von der „Kirche der Armen.“ Er sagte: „Gegenüber den unterentwickelten Ländern erweist sich die Kirche als das, was sie ist und sein will, die Kirche aller,

vornehmlich die Kirche der Armen.“

Und er fügte hinzu: „Das soziale Elend, das nach Rache schreit vor dem Angesicht des Herrn, das alles muss deutlich gemacht und beklagt werden!“

Das Wort „Kirche der Armen“ prägten einige Bischöfe und Kardinäle nachhaltig, wie der belgische Kardinal Suenens, und die beiden italienischen Kardinäle Lercaro und Montini (den späteren Papst Paul VI). Während des Konzils legten Bischöfe aus den armen Ländern in den Katakomben das Gelübde ab, ihrer Kirche in Armut zu dienen. Dieses Konzil veränderte den Lebensstil der Kirche.

Bischöfe leiteten ihre Diözesen in geschwisterlicher „Kollegialität“, zogen aus ihren Palästen aus, verzichteten auf Pomp. In den Gemeinden entstand die „Theologie der Armen“ (Befreiungstheologie). Menschen der Kirche wurden Anwälte der Armen.

Leider kennen wir heute wieder die andere Seite der Medaille. Die oberste Spitze der Kirche ist der Versuchung zur Macht erlegen. Die Macht konzentriert sich auf eine einzige Person und deren Offizien, es gibt unzählige Titel, pompöses Zeremoniell und Bevormundung.

Entgegen dem Wunsch des Konzilpapstes wurde das Kirchenrecht nicht erneuert, sondern sogar verschärft. „Kollegialität“ ist zu einem kraftlosen Wort verkümmert.

Doch: der Geist des zweiten Vatikanischen Konzils von der
„Gemeinschaft des Volkes Gottes“, lebt im Volk Gottes.

Der Dialogprozess, angestoßen vom Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, lässt hoffen auf die Wirkmächtigkeit dieses Geistes.

Ihr
Pater Hermann Olthof o.carm