Titus Brandsma

Titus Brandsma war ein niederländisch-friesischer promovierter Philosoph, römisch-katholischer Theologe und Karmelit, der im Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den Niederlanden aktiv war. Im November 1985 wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Er wird in der katholischen Kirche als Märtyrer verehrt. Sein liturgischer Gedenktag ist der 27. Juli.

Gott hat alles für mich getan, was er konnte; nun ist es an mir, mein Möglichstes, ja alles für ihn zu tun.

Anno Brandsma

Anno Sjoerd Brandsma, Sohn des Milchbauern und Kommunalpolitikers Titus Brandsma und Tjitse geb. Postma, wurde am 23. Februar 1881 auf dem Landgut seiner Familie in Oegeklooster bei Bolsward einem kleinem Städtchen in Friesland in den Niederlanden geboren. Er wurde in der Pfarrei St. Martin in Bolsward getauft. 

Seine Eltern stammten aus einem alten friesischen Bauerngeschlecht. Sie waren durchaus wohlhabende Milchbauern. Der Hof stand auf dem Grund eines mittelalterlichen Klosters, das damals dem Hl .Hugo geweiht worden war. Mit Holsteiner Milchvieh wurde Käse produziert und verkauft. Es gab Mitarbeiter am Hof und in der Käserei. Vater Titus Brandsma war ein nüchterner und tatkräftiger Mann, ein angesehener Milchbauer mit Käseproduktion und Kommunalpolitiker.

Tjitsje Postma

Die Mutter, Tjitsje Postma, wird eher als konservativ und ängstlich in der Kindererziehung beschrieben. Titus liebte und ehrte seine Eltern. Musik spielte in dieser Familie eine große Rolle. Rund um das Klavier der Familie versammelte man sich um zu singen und zu tanzen. Der Vater brachte den Kindern die Tanzschritte bei und bereitete allen fröhliche und glückliche Stunden. Die Familie Brandsma hatte sechs Kinder. Sie war tief katholisch. Die tägliche Messe und häufige Beichte gehörten zum Familienleben. Die Familie betete zusammen. So lernte  Titus Brandsma von frühester Jugend an zu beten. Die Eltern waren in der Kirchengemeinde angesehen. Am Leben der Pfarrei nahmen sie teil. Der kleine Anno lernte  selbstverständlich mitzuhelfen beim karitativen Engagement in der Pfarrei. Auch das prägte ihn fürs ganze Leben.

Titus Brandsma sjr.

Nach vier Töchtern war die Geburt Annos eine große Freude: endlich der ersehnte Sohn und Hoferbe. Doch er war von Anfang an ein außergewöhnlich schwächliches Kind und körperlich zu klein, zu zart und zu kränklich für Bauernarbeit. Den Eltern war klar, er würde den Hof nicht übernehmen können.

Fünf der sechs Geschwister von Anno wählten den geistlichen Weg. Der Bruder wurde Ordenspriester und vier der Schwestern gingen ins Kloster. Die älteste Schwester Gatske heiratete und übernahm den Hof. Anno erlebte eine glückliche Kindheit in seiner tief frommen Familie. Er auffallend intelligent und hatte viele Interessen. Mit seinen hohen geistigen Fähigkeiten war er seinen Altersgenossen weit überlegen. Aber er war auch kränklich. Lebenslang musste er immer wieder einen ständigen Kampf gegen körperliche Schwäche und Krankheit bestehen.

Anno besuchte die katholische Grundschule in seiner  Heimatgemeinde. Er war ein auffallend guter Schüler. Bei den Lehrern galt er als Lieblingsschüler und auch bei den Mitschülern war er sehr beliebt. Sie gaben ihm den Spitznamen: „der Kleine“. Mit 11 Jahren, September 1892, wechselte er aufs Gymnasium. Er besuchte die Lateinschule der Franziskaner-Minoriten in Mengen an der Maas (Nordbrabant), ein sog. kleines Seminar zur Ausbildung von Buben, die sich zum Priester berufen fühlten. Dort erschien Anno zunächst recht schüchtern. Doch er gewann durch seine freundliche und offene Art die Achtung seiner Mitschüler. Er studierte gerne und viel und mutete sich oft zu viel zu, worunter dann sein schwächlicher Körper litt. In die Gymnasialzeit fällt die erste große körperliche Krise. Schon mit 13 Jahren erkrankte er akut am Magen.

Karmel in Boxmer

Nach dem Abitur trat Brandsma am 17.09.1898 in den Orden der Karmeliter in Boxmeer an der Maas ein. Er war 17 Jahre alt. Erstaunlicherweise wurde er trotz seiner schwachen Gesundheit aufgenommen. Bei der Einkleidung am 22.11.1898 wählte er als Klosternamen den Vornamen seines bewunderten Vaters: Titus. Im Karmel hatte er seine  spirituelle Heimat gefunden. Sein Leben war nun geprägt von Gebet und Meditation.

Es folgte das Studium der Philosophie und Theologie in Oss. Dabei zeigte er großes Interesse an der Spiritualität des Karmel. Nebenbei arbeitete er auch noch als Schriftsteller und veröffentlichte als Journalist bei verschiedenen Zeitschriften Artikel über Themen des Glaubens und über Mystik. Schon während des Studiums beschäftigte er sich mit niederländischen Mystikern und der Herausgabe ihrer Texte. In seiner Freizeit übersetzte er Werke der heiligen Theresa von Avila und veröffentlichte 1901 eine Sammlung „Ausgewählte Schriften aus den Werken der heiligen Theresa.“ Dabei entdeckte Titus seine schriftstellerische Begabung und die Freude an der Beschäftigung mit der Mystik. Er hatte die Gabe, komplizierte Gedankengänge verständlich zusammenzufassen. Auch im Studium überanstrengte er sich. So kam was kommen musste: An Weihnachten 1901 erlitt er wieder eine schwere körperliche Krise. Bruder Titus Brandsma erholte sich und legte am
03.10.1899 körperlich schwach aber sehr glücklich die ersten Gelübde ab. 1902 folgten die ewigen Gelübde. Am 17.06.1905 empfing Titus Brandsma die Priesterweihe in der Kathedrale von ´s-Hertogenbosch durch Bischof Den Bosch. Seine Primiz feierte P. Titus Brandsma in der barocken Kirche St. Martin in Bolsward, wo er auch getauft worden war.

Nach einem kurzen Erholungsurlaub zu Hause kehrte P. Titus nach Oss zurück, um weiter zu studieren. Der junge Ordenspriester geriet zunächst unter den Verdacht, ein Modernist und zu liberal zu sein. Mit einem seiner Professoren hatte P. Titus deshalb Auseinandersetzungen. Deshalb wurde er zunächst trotz seiner großen Begabung nicht zum weiteren Studium zugelassen. Er wurde als Aushilfsseelsorger in Oss eingesetzt. Zusätzlich war er Sakristan und Ökonom im Kloster. Das bedeutet, er wurde ins Abseits gestellt 16. Dies kränkte ihn sehr. „Ich bin in den Schatten gestellt worden, obwohl ich vorwärts strebte. Die Lehre hatte ich nötig; sie war zu meinem Besten.“, beurteilte er rückwirkend diese Zeit. Noch im selben Jahr konnte er jedoch weiter studieren. 1905- 1909 lebte er in Rom und studierte an der Gregoriana Universität. Er wohnte im Kolleg S. Alberto. Auch in der Studienzeit litt P. Titus Brandsma an körperlicher Schwäche und gesundheitlichen Problemen.

Der Orden setzte den jungen Geistlichen in den Jahren 1909 – 1923 als Professor und Regens am Priesterseminar der Karmeliter in Oss in Brabant ein. Dort gab es eine ordenseigene Hochschule. Fünzehn Jahre lehrte P. Titus Brandsma hier Philosophie, Soziologie, Kirchengeschichte. Begeistert für karmelitanische Ideale, nahm er sich mit besonderer Liebe des Ordensnachwuchses an und war viele Jahre einer der Lehrer. Er führte die jungen Männer in die große mystische Tradition des Karmelitenordens ein und verstand es, sie für dessen Ideale zu begeistern. Im Jahre 1917 übersetzte er zusammen mit 3 Mitbrüdern das Gesamtwerk von Theresa von Avila ins Niederländische.  Ab 1923 wirkte P. Titus als Assistent des Provinzials. Als Prior leitete er das Kloster in Njimegen, das in der Nähe der neuen Universität gegründet worden war. Hier baute der Orden unter seiner Leitung 1922- 1930 einen neuen Konvent und bekam dort zusätzlich die Betreuung einer großen Pfarrei zugewiesen.

Karmel in Bamberg

Sein Wirken ging jedoch weit darüber hinaus. Sein Einsatz galt auch der Wiederbelebung der deutschen Ordensprovinz. Er engagierte sich für die Restaurierung und Wiedereröffnung der alten Karmelitenklöster in Mainz und Bamberg. Dafür bereiste er Deutschland im Mai 1924. Dabei konnte er mit dem französischen General Degoutte, dem Vertreter der damaligen Besatzung, über die Neugründung des Klosters in Mainz 33 verhandeln. 1935 führte ihn eine Vortragsreise in die USA und nach Irland, wo er über die monastische und christliche Spiritualität sprach und durch seine umfassende kulturelle Bildung beeindruckte. Bei den Karmeliten in Irland hatte er vor seiner Amerikareise seine Englischkenntnisse vervollständigt.

Titus Brandsma war von Anfang an ein Gegner und Kämpfer gegen den Nationalsozialismus. Schon 1935 schrieb er darüber, kritisierte sehr scharf, warnte und versuchte aufzuklären. Er verurteilte Judenverfolgung und antijüdische Gesetze der deutschen Nationalsozialisten mit deutlichen Worten. Die sogenannte „erste Verordnung zum Blutschutzgesetz“ hielt er für eine Verletzung der Menschenrechte. Er sprach gegen den Nationalsozialismus in der Universität, bei Konferenzen, bei Vorträgen und schrieb in Zeitungen kritische Artikel. „Seine scharfe Kritik und die Demaskierung der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland entging den Sympathisanten dieser Bewegung in Holland nicht. “ Das brachte P. Titus in Gefahr.

Natürlich wurde die deutsche Gestapo auf ihn aufmerksam und verfolgte seine Veröffentlichungen. Ihm war wichtig, dass diese Zeitungen und Zeitschriften keine nationalsozialismusfreundlichen Texte abdruckten, um die Leser nicht an der klaren Haltung der Kirche zweifeln zu lassen. Für diese Haltung ging er schließlich in Gefangenschaft und in den Tod. Dieses Risiko kannte er. Er sagte: „Wer die Welt für Christus gewinnen möchte, muss den Mut haben, mit ihr in Konflikt zu geraten.“ Dieser Konflikt verschärfte sich für ihn deutlich, als am 10.05.1940 die Niederlande von deutschen Truppen besetzt wurden.

Am 11.02.41 wurde P. Titus Brandsma gewarnt, er solle sich schützen. Die Antwort zeigt, dass er sich der ihm drohenden Gefahr nicht ganz bewusst war: „Titus bedankte sich freundlich und sagte: „ Ich werde darüber nachdenken müssen. Doch ich kann einfach nicht glauben, dass sie mich suchen. Wenn das der Fall wäre, dann hätten sie mich schon längst hinter Schloss und Riegel haben können. Ich spiele immer mit offenen Karten mit den Leuten und das gefällt mir nicht schlecht.“

Die neuen Herren in den Niederlanden hatten angeordnet, dass in den katholischen Zeitungen offizielle Nazi-Propaganda gedruckt werden solle. Insbesondere Werbung für den Beitritt in nationalsozialistische Organisationen sollte veröffentlicht werden. So sollte der Anschein der Unterstützung der katholischen Kirche erweckt werden. Solche Anzeigen waren für die Katholischen Zeitungen aus weltanschaulichen Gründen ausgeschlossen. Außerdem wurde die Einstellung von Nationalsozialisten als Chefredakteure bei den katholischen Zeitungen erzwungen. Jetzt war die Grenze des Zumutbaren überschritten. P. Titus reagierte entschieden: „ Wir werden ihnen antworten und unsere Antwort wird Nein heißen.“

Auf einer Reise zu den Zeitungsredaktionen wurde P. Titus Brandsma verraten.  Den Grund erfahren wir aus dem Dokument der Gestapo: „Er und Erzbischof de Jong sind für die außerordentlich raffinierte Art und Weise verantwortlich, in der die führenden katholischen Kreise die Presse beeinflussen.“ Am 19.01.1942 wurde P. Titus Brandsma in seinem Kloster in Nijmegen um 18.00 Uhr verhaftet.

Das Gefängnis in Den Haag befand sich im Stadtteil Scheveningen, es wurde das „orange Hotel“ genannt, wegen der vielen niederländischen (orange ist die Nationalfarbe) Widerstandskämpfer, die hier inhaftiert waren. P. Brandsma war für 7 Wochen in Zelle 577 untergebracht. Es folgten zahlreiche lange Verhöre. Dabei wurde er über seine Zukunft informiert: „Wir haben beschlossen, Sie nach Dachau zu schicken. Sie werden dort bis Kriegsende bleiben.“ P. Titus wusste, das bedeutete seinen Tod. Titus Brandsma sjr.Er verabschiedet sich vor der Abfahrt nach Dachau von den Kameraden mit den Worten: „Durchhalten, Leute! Gott segne Euch!“

Am 19. Juni 1942 wurde er in das KZ Dachau verschleppt. Unter Zwangsarbeit, Folter, Misshandlung und Unterernährung verschlechterte sich seine Gesundheit rapide. In der dritten Juliwoche wurde er in die Krankenstation des Konzentrationslagers eingewiesen. Dort führte ein KZ-Arzt mit ihm medizinische Experimente durch und gab ihm schließlich am 26. Juli 1942 um 13.50 Uhr die Todesspritze. Zehn Minuten später wurde P. Titus Brandsma für tot erklärt.

Nada te turbe, nada te espante;
quien a Dios tiene, nada le falta.
Nada te turbe, nada te espante:
sólo Dios basta

Nichts soll dich beunruhigen,nichts ängstige dich.
Wer Gott hat, dem fehlt nichts.
Gott allein genügt.

Teresa von Avila

 

Quellen:

      • Der Verein Selige Märtyrer von Dachau
      • Provinzialat der Deutschen Provinz des Teresianischen Karmel
      • Order of Carmelites (Society of Mount Carmel)
      • Wikipedia